[Dies & Das] Das Meer & Ich

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Meerweh. Das ist die Sehnsucht, die man fühlt, wenn man lange Zeit nicht am Meer war. Ich weiß das genau, denn für mich ist es lange her und es schmerzt mit jedem Tag mehr. Ich lächle, wenn ich Menschen sagen höre, dass sie unbedingt ans Meer wollen, und nicke wissend. Ich verstehe das. Auch wenn ich nicht weiß, wie man etwas vermissen kann, das man nicht kennt. Ich habe das Meer gesehen, bevor ich es in meinem Kopf idealisieren konnte. Ich musste nie nur davon träumen.

In meiner ersten Erinnerung bin ich noch ganz klein. Es ist der erste richtige Urlaub, nur meine Mama und ich in Holland. Sie hat uns nach der Ankunft ein Fahrrad gemietet, mich in den Kindesitz gesetzt und ist losgeradelt. Als wir den Fahrradweg hinter den Dünen entlang fuhren, tobten am Himmel bereits dunkle Wolken und um uns herum wehte der Wind. Immer wieder bekam ich Sand in die Augen. Es würde bald anfangen zu regnen. Aber sie wollte, dass ich gleich am ersten Tag das Meer sehe, alles andere wäre nicht richtig. Ich hingegen hatte nach der langen Anreise schon keine Lust mehr. Als uns dann noch eine Böe von der Seite erwischte und das Fahrrad samt mir und meiner Mutter umschlug, fand ich das alles einfach nur doof. Ich wollte nicht wieder aufsteigen, zu groß war die Angst, wieder hinzufallen. Es waren nur noch ein paar Schritte, die den Steg zur Düne hochführten, und dann waren wir oben. Vergessen war das schmerzende Knie und der Sand in den Augen. Vergessen die schlechte Laune.

Ich war am Meer und alles war plötzlich gut.

Danach hat es einige Jahre gedauert, bis ich das Meer wiedergesehen habe – aber das war der beste Moment überhaupt. Diesmal war es Südfrankreich und wir fuhren mit dem Auto die Nacht hindurch. Ich schlief unruhig auf der Rückbank und wurde erst wieder richtig wach, als wir Bordeaux am frühen Morgen hinter uns ließen und unserem Ziel näher kamen. Runter von der Autobahn und rauf auf die Landstraße kurbelten wir die Fenster auf. Langsam konnte man den salzigen Duft des Meeres wahrnehmen und nach und nach auch immer mehr Möwen hören.

Anstatt unsere Verwandten zu begrüßen und anzukommen, hielten wir an der Promenade. Wir zogen die Schuhe aus, krempelten die Hosenbeine hoch und liefen im Morgengrauen durch den Sand bis zum Wasser. Dann setzten wir uns an den Strand und warteten darauf, dass hinter uns die Sonne aufging, den Blick immer auf die Wellen gerichtet. Die Sonne im Rücken, zwischen unseren Zehen der Sand und vor uns das Meer. Es war perfekt. Es müsste es immer so sein und ich wünschte, das wäre es auch.

Wieder ist es Jahre her, dass ich das letzte Mal am Meer war, und ich vermisse es mehr denn je. Ich vermisse es, mit nackten Füßen durch den Sand zu laufen. Ich vermisse es, die Sonne im Meer verschwinden zu sehen und ich vermisse den Geruch, den man am Meer in der Nase hat und der einem verrät, dass es sich hinter der nächsten Ecke verbirgt. Auch wenn man es nicht sehen kann, weiß man, dass es da ist. Ich vermisse den unendlichen Horizont und die unendlichen Möglichkeiten, die er einem verspricht. Am Meer ist alles andere weit weg und doch wirkt alles klarer.

Ich verstehe, dass man sich danach sehnt, wenn man es nicht kennt. Aber wenn man genau weiß, was einem fehlt, dann tut das noch mehr weh – Meerweh.


* Das ist mein Beitrag zum Schreibwettbewerb des Ankerherz Verlages. Aufmerksam darauf bin ich über den Blog von Frau Hauptsachebunt geworden und wenn ihr auch mitmachen wollt, müsst ihr nur dem Link folgen und euren eigenen Text nach den Anweisungen schreiben. Ich hoffe, meiner gefällt euch =)

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2 thoughts on “[Dies & Das] Das Meer & Ich

  1. Wundervolle Geschichte liebe Yvonne ♥ ich kenne diese Sehnsucht, mir geht es genauso. Ich liebe das Meer und als ich letztes Jahr im Sommer nach vielen, vielen Jahren wieder an der Ostsee war, fühlte sich das einfach nur gut an.

    Drück dich!
    Sandra

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