Go Set A Watchman – To read or not to read?

GSAW3In den letzten Tagen gab es kaum ein Vorbeikommen an Harper Lees „Go Set A Watchman“ und den unzähligen Meinungen dazu. Schon bevor ich das Buch in den Händen hielt, hatte ich ein mieses Gefühl und mit den ersten (deutschen) Rezensionen wurde es auch nicht unbedingt besser. Am besten fährt man aber meiner Meinung nach, wenn man sich gar nicht großartig beeinflussen lässt und sich selbst eine Meinung zu bilden versucht. Ich habe im Vorfeld viel über Harper Lee gelesen und deswegen glaube ich, muss man das Buch auch einzuordnen wissen, um es beurteilen zu können.

Die Fortsetzung, die keine ist.

Es ist schwer Vorstellbar, aber nicht jeder verfolgt das Geschehen auf dem Buchmarkt und nicht jeder liest sich die Hintergründe ein. Ich wäre vollkommen enttäuscht und entsetzt, wenn ich „Go Set A Watchman“ als langersehnte Fortsetzung zu „To Kill A Mockingbird“ entgegengefiebert hätte, um dann festzustellen, dass es eigentlich nicht viel mit dem Vorgänger zu hat, ihn im Gesamten und vor allem Atticus sogar in gewisser Weise demontiert und noch dazu nicht so gut geschrieben ist. Sophie hat schon Recht, wenn sie sagt, dass Lee dafür keinen Pulitzer-Preis bekommen hätte, denn das Buch ist literarisch betrachtet nicht gut. Das liegt aber auch vor allem daran, dass der erste Entwurf selten wirklich gut ist.

„Go Set A Watchman“ war das Manuskript, dass Lee dank der Hilfe ihrer Freunde schreiben konnte. Sie bekam zu Weihnachten genug Geld, um sich ein Jahr voll und ganz dem Schreiben zu widmen und ihr Buch fertigzustellen. Das tat sie und gab anschließend das Manuskript an einen Verlag. Der wiederum war nicht ganz zufrieden mit „Go Set A Watchman“ und schlug ihr einige Änderungen vor, unter anderem sollte die Geschichte 20 Jahre früher spielen. Diese Änderungen führten zu „To Kill A Mockingbird“ – dem Buch, das wir kennen und lieben. „Go Set A Watchman“ wäre vermutlich nie veröffentlicht worden. Warum man das jetzt doch getan hat, ist fraglich. Man muss also beide Bücher unabhängig voneinander betrachten, um sie wirklich beurteilen zu können.

Wenn nicht jetzt, wann dann?

Rein theoretisch wäre die Veröffentlichung von „Go Set A Watchman“ auch nicht notwendig gewesen. Lee hat ausgesorgt, führt ein ruhiges Leben und möchte sowieso am Liebsten nicht gestört werden. Zudem stellt sich die Frage, warum sie überhaupt wollen würde, dass ein unkorrigiertes Manuskript, welches abgelehnt und von einem besseren Text abgelöst wurde, den Weg an die Öffentlichkeit findet. Ganz davon abgesehen ist natürlich fraglich, ob sie die Freigabe tatsächlich selbst gegeben hat oder über den Tisch gezogen wurde – das alles werden wir aber nicht erfahren, da Lee vermutlich wie auch in den letzten 50 Jahren keine Interviews mehr geben wird – zum einen, weil sie es nicht will und zum anderen, weil sie es vermutlich schlicht und ergreifend nicht mehr kann.

Aber egal, unter welchen Umständen das verloren geglaubte Manuskript veröffentlicht wurde – für den Verlag ist es in jedem Fall ein Gewinn. Jeder, den ich kenne und der „To Kill A Mockingbird“ gelesen hat, will auch „Go Set A Watchman“ lesen und durch die mediale Aufmerksamkeit wird sich das Buch vermutlich wie geschnitten Brot verkaufen – egal, ob es gut ist oder nicht.

Nur warum überhaupt jetzt und nicht erst im 10 Jahren? Warum nicht vor 10 Jahren? Ich habe, wenn ich ehrlich bin, keine Ahnung. Man hätte es meiner Meinung nach auch ganz lassen können. Aber wenn die Geschichte, dass es unverhofft wieder gefunden wurde, tatsächlich stimmt, dann macht es Sinn, das Buch zu veröffentlichen so lange Lee noch lebt (und ihre Zustimmung geben konnte). Wenn sie dem tatsächlich auch noch selbst zugestimmt hat (was ebenfalls bezweifelt wird), wollte sie vielleicht wissen, wie die Leser reagieren; vielleicht ist es ihr aber auch egal. Bei all der Spekulation kann ich nur für mich sprechen: Wenn ich es gefunden hätte, hätte ich auch gewollt, dass die Öffentlichkeit noch einen weiteren Text von Lee selbst lesen kann.

Ist es jetzt gut oder nicht?

Naja… Als Fortsetzung zu „To Kill A Mockingbird“ sicher nicht. Allein stehend betrachtet, macht das die Schreibe nicht besser, aber in erster Linie geht es ja um die Geschichte und das ist eben die Sache, die vielen aufstößt. Während Atticus in „To Kill A Mockingbird“ der perfekte Vater war, der für die richtigen Werte kämpft, scheint er in „Go Set A Watchman“ zu einem Rassist zu werden, der alles niedertrampelt, was er seiner Tochter einst vermittelt hat. Aber so einfach ist es eben doch nicht. Atticus ist in dieser Geschichte ein gutes Beispiel für den Satz: „Ich bin kein Rassist, ABER…“, denn mit so ein paar Aussagen ist er es eben doch. Andererseits kann ich verstehen,wie und warum er so denkt – vor allem in dieser Zeit – und ich gebe ihm sogar ein Stück weit Recht. Das allerdings ändert auch nichts an der Tatsache, dass ich überzeugt davon bin, dass Atticus am Ende dennoch richtig handeln würde.

Ich hab es in meinem ersten Beitrag schon mal geschrieben, da war es für mich noch Vermutung, und schreibe es jetzt wieder: „Go Set A Watchman“ ist sicher nicht die Geschichte, die wir uns wünschen, aber vielleicht genau die, die wir brauchen. Wenn sie sonst nichts tut, dann bringt sie uns wenigstens zum Nachdenken und diskutieren und nichts anderes ist es, was Atticus letztendlich mit Scout tut.

Sie hat ihren Vater ihr Leben lang auf einen Sockel gestellt und alles für bare Münze genommen, was er getan und gesagt hat. Als sich herausstellt, dass auch Atticus seine Fehler hat, wird sie gezwungen, ihr Bild zu relativieren. Es gibt nicht länger nur schwarz und weiß, nur Gut und Böse und der einzige Weg, den sie sieht, ist es, wegzulaufen. Doch das ist keine Lösung, die etwas ändert. Ändern wird sich nur etwas, wenn sie sich der Diskussion stellt und ihren Beitrag leistet. Letztendlich hilft Atticus ihr auf die Füße, damit seine Tochter ihren eigenen Weg gehen kann und ist dabei nicht mal der Arsch, der er sein könnte. Er ist – noch immer – der Vater, der sie liebt und sich um sie sorgt, nur sieht sie am Ende eben nicht mehr nur den Fehlerlosen Vater, sondern auch einen Mann mit Ecken und Kanten und beide muss sie zusammenfügen, um ihren Vater ganz zu begreifen.

„I’ve killed you, Scout. I had to.“

„[…] I despise you and everything you stand for.“

„Well, I love you.“

Nina hat genau darüber mit noch ein paar mehr Worten geschrieben, und weil ich ihr uneingeschränkt Recht gebe, verlinke ich einfach nur.

Und am Ende…

… ist es eigentlich total Wurst, was ich hier schreibe, denn der einzige Weg, eine Meinung zu bekommen ist meiner Meinung nach, sich selbst eine zu bilden – lest das Buch und macht euch eure eigenen Gedanken dazu. Ich würde nur gerne – sofern ich es kann – verhindern, dass jemand mit falschen Erwartungen an das Buch heran geht und auf ein Widersehen mit liebgewonnenen Charakteren hofft, wenn es sich doch in der Realität um eine andere Geschichte handelt. Ich freu mich allerdings, wenn ihr es gelesen habt und euch mit mir austauschen mögt.

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8 thoughts on “Go Set A Watchman – To read or not to read?

  1. Hallo Yvonne!

    Ich liebe ‚To kill a Mockingbird‘, wie fast jeder. Ich habe mich auf ‚Go set a Watchman‘ gefreut bis ich die ersten Kritiken las, dann beschloss ich, es nicht zu lesen. Nina hat mich überzeugt und jetzt auch du mit deiner Rezi!

    Du hast wirklich sehr schön darüber geschrieben mit so viel Hintergrundinformation, ganz toll! Die Wahrheit darüber, warum das Buch überhaupt veröffentlicht wurde, werden wir wohl nie erfahren. Ich bin jetzt, nachdem ich deine und Ninas Meinung dazu gelesen habe, sehr neugierig auf das Buch!

    Liebe Grüße
    Janice

    1. Das freut mich sehr :) Ich finds halt echt furchtbar, wie irgendwelche Aussagen als Aufhänger genommen werden, um das Buch schlechter zu machen, als es ist. Aber so läuft das halt bei großen Nachrichtenmagazinen. Ich wünsch dir viel Spaß beim Lesen und würde mich freuen, wenn wir uns danach nochmal austauschen :)

      1. Hallo Yvonne

        Ich habe das Buch heute beendet und am Ende hatte ich dann doch nasse Augen. :‘(
        Ich finde, Scout hat ihren Vater nicht wirklich zugehört, so sehr war sie in ihrer Aufregung und Enttäuschung gefangen. Ich verstehe ihn und seine Motivation sehr gut. Die ganzen Kritiken liegen ziemlich daneben und wenn ich denke, dass ich das Buch deswegen fast nicht gelesen hätte!

        Was zwischen Atticus, Scout und ihren Onkel passiert, was alles gesagt wird, erklärt wird, fand ich großartig. Die Erinnerungen von Scout füllen die Jahre dazwischen ein bisschen aus. Das Ende ist perfekt. Und vor allem liebe ich Atticus immer noch!

        Liebe Grüße
        Janice

      2. Ich bin froh, dass du dem Buch eine Chance gegeben hast – vor allem wenn ich den Kommentar jetzt lese, und ich freue mich, wenn ich dazu beitragen konnte :) <3

  2. Kann diese Rezension genau so unterschreiben. Ich habe das Buch vorhin beendet und war irgendwie noch etwas unschlüsig, was ich jetzt im Ganzen davon halten soll, konnte mich in deinen Worten aber ziemlich gut wiederfinden. :D

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