Reading is a good thing.

Reading is a good thing

Dieser Beitrag schlummert schon so lange in meinem Kopf und immer und immer wieder habe ich ihn wieder verworfen. Aber seit seit einigen Tagen eine drei Jahre alte Rede von Neil Gaiman wieder im Internet kursiert (Link) habe ich das Buch „The View from the Cheap Seats“ wieder in die Hand genommen und zu lesen begonnen.

Ja, und was will sie uns jetzt damit sagen, fragt sich vielleicht der ein oder andere. Ganz einfach – in der Rede, die eben auch vollständig in dem Buch abgedruckt ist, findet sich dieses Zitat:

I believe we have an obligation to read for pleasure, in private and in public places. If we read for pleasure, if others see us reading, then we learn, we exercise our imaginations. We show others that reading is a good thing.

Ich für meinen Teil lese unheimlich gerne zum Vergnügen. Eigentlich ausschließlich, denn die Zeiten, in denen man mir gesagt hat, dass ich dieses und jenes Buch für eine Klausur lesen muss, sind lange vorbei. Ich lese sowohl gute als auch schlechte Rezensionen. Eine schlechte Rezension ist für mich kein Grund, ein Buch nicht zu lesen, sondern ein Weg um herauszufinden, ob das Buch, dass einer anderen Person nicht gefällt mir vielleicht trotzdem gefallen kann – und genauso versuche ich, meine Rezensionen auch zu schreiben.

Nun aber zurück zu dem Gedanken für diesen Artikel. Denn es ist ja so, dass der Krieg zwischen Buch-Bloggern und dem Feuilleton  einfach nicht abreißen will. Schlimmer noch, Blogger untereinander schauen sich oft von oben herab an, weil der eine ja viel literarischer ist und bessere Bücher liest als der andere. Und Rezensionen auf Youtube? Eh der allergrößte Schwachsinn. Da lesen Leute ein Buch, weil es ihnen gefällt! Wo gibts denn sowas? Beispiele dafür gibts ausreichend, da muss ich nicht auch noch mitmachen. All das ist nämlich schlichtweg Bullshit.

And I think some of those correlations, the simplest, come from something very simple. Literate people read fiction. Fiction has two uses. Firstly, it’s a gateway drug to reading. The drive to know what happens next, to want to turn the page, the need to keep going, even if it’s hard, because someone’s in trouble and you have to know how it’s all going to end … that’s a very real drive. And it forces you to learn new words, to think new thoughts, to keep going. To discover that reading per se is pleasurable. Once you learn that, you’re on the road to reading everything. And reading is key.

Es ist vollkommen egal, welche Bücher man liest. Es gibt nicht ein Buch, dass einen nicht dazu bringt, selbstständig zu denken. Es gibt nicht ein Buch, dass nichts im Leser auslöst. Und es gibt nicht ein Buch, das vertane Zeit wäre. In jedem Buch kann man etwas finden, das einen als Leser bereichert und wenn es nur die Erkenntnis ist, das man diese Buch vielleicht besser nicht gelesen hätte. Und ich weiß das, denn ich bin ein großer Freund davon, auch miese Bücher zu Ende zu lesen und sei’s nur, damit man sich am Ende darüber aufregen kann. Schlechte Bücher helfen einem zumindest, besser rauszufinden, was man nicht mag.

Aber zurück zu den spaßigen, belanglosen Büchern. Die, die so gern von Bloggern und Youtubern besprochen werden, weil es Spaß macht, sie zu lesen. Harry Potter zum Beispiel. Ich weiß nicht, wie oft ich belächelt wurde, weil diese Bücher nicht nur einen Leidenschaft sondern zu einem Teil meines Lebens geworden sind. Ich verstehe, dass jemand, der das nicht selbst erlebt hat, nicht viel damit anfangen kann. Man braucht einen Bezug und man muss sich mit irgendeinem Teil der Geschichte identifizieren und das fällt schwer, wenn man diesen einen Punkt nicht findet. Dann kann man es schlichtweg nicht verstehen. All jene aber die ihn gefunden haben, wissen, dass Harry Potter einem über sieben Schuljahre hinweg alles beibringt, was man über Freundschaft wissen muss. Sie haben mit Harry zusammen gelernt, wie es ist, um einen geliebten Menschen zu trauern und sie wissen, dass man im Leben nicht unbedingt das bekommt, was man verdient hätte, dass es aber eigentlich nur darum geht, mit dem was man bekommt, einen Weg zu finden.

Fiction can show you a different world. It can take you somewhere you’ve never been. Once you’ve visited other worlds, like those who ate fairy fruit, you can never be entirely content with the world that you grew up in. Discontent is a good thing: discontented people can modify and improve their worlds, leave them better, leave them different.

Game of Thrones ist erwachsener, aber für viele genauso unreal. Da würde ich sogar kurz zustimmen, denn Drachen habe ich auch noch keine gesehen (schade eigentlich). Aber nimmt man mal all die fantastischen Elemente weg, was bleibt dann? Eine nicht minder kluge Geschichte über Macht, Politik, Krieg und Intrigen, die in der ein oder anderen Form auch heutzutage immer und überall stattfinden kann. Im günstigsten Fall hilft uns solch populäre Fantasy unseren Blick auf gut und böse in aktuellen Situationen zu schärfen. Und das ist doch eine gute Sache.

Die nächste populäre Fantasy-Reihe wäre Die Chroniken der Unterwelt von Cassandra Clare, unzählige Teile, wird per se von vielen als Schund abgestempelt und je nach dem worauf man den Fokus legt, kann man damit recht haben. Aber auch hier finden sich viele wichtige Erkenntnisse. Vor Jahren habe ich die Reihe zum Spaß gelesen. Was ich dabei aber schon nicht ignorieren konnte, waren die Referenzen. Jedem Kapitel ist ein Textauszug voran gestellt – mal ist es Dantes Inferno, mal Miltons Paradise Lost oder Shakespeare. Bei den Chroniken der Schattenjäger ist die ganze Reihe an Charles Dickens A Tale of Two Cities angelehnt. Das macht neugierig und bringt einen dazu, einen Bezug herstellen zu wollen. Ich habe tatsächlich deswegen allein A Tale of Two Cities gelesen.

Worauf ich hinaus will ist vielleicht das: Nicht jeder ist eine Rory Gilmore. Nicht jeder hat bereits vor seinem sechszehnten Geburtstag sämtliche Russen, alles von Jane Austen und den Brontë-Schwestern gelesen. Aber warum auch?

We have an obligation to read aloud to our children. To read them things they enjoy. To read to them stories we are already tired of. To do the voices, to make it interesting, and not to stop reading to them just because they learn to read to themselves. Use reading-aloud time as bonding time, as time when no phones are being checked, when the distractions of the world are put aside.

Wenn man jemandem immer und immer wieder sagt, das er etwas tun soll – wird er es dann tun? Ich denke nicht, also hört auf damit. Lasst die Leute lesen was sie wollen, Geschichten selbst entdecken und von alleine neugierig auf Bücher werden, die sie sonst vielleicht nie angefasst hätten. Freut euch stattdessen, dass sie Freude am Lesen haben. Denn nur wer Freude dabei hat, wird es weiterhin tun. Der Rest ergibt sich dann wie so oft im Leben ganz von selbst. Man macht verschiedene Phasen durch, aus Vorlieben werden Abneigungen oder das, was gestern noch der geilste Scheiß war, ist morgen schon belanglos. Jemand, den man heute noch mit den Begriffen Klassiker oder Literatur jagen kann, kauft vielleicht demnächst die Shortlist-Titel zum Deutschen Buchpreis oder wird der nächste Salinger-Fan. Aber das entscheidet jeder selbst. Darüber zu urteilen oder sich lustig zu machen, verdirbt die Freude am Lesen. Es ergibt sich von ganz allein. Letztendlich findet jedes Buch seine Leser und jeder Leser sein Buch.

(Und ja, mir ist bewusst, dass die Rede eigentlich auf was anderes abzielt, aber das sind eben Punkte, die mitangesprochen werden und deswegen nicht weniger wahr sind. Und sie passen zu dem, was ich sagen möchte. Lest trotzdem den kompletten Text^^)


Bild: Unsplash // Zitate: Neil Gaiman – The View from the Cheap Seats

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12 thoughts on “Reading is a good thing.

    1. Gerne! Ich hab so lange überlegt, wie ich das in Worte fassen kann und hoffe jetzt einfach mal, dass es geklappt hat, ohne dass sich jemand aufs Füßchen getreten fühlt^^

  1. Ich finde es bei der Arbeit auch oft erstaunlich bis erschreckend, in welchem Erklärungszwang Leute sich scheinbar oft sehen, wenn sie „nur“ was Unterhaltsames kaufen wollen. Sonst ja nicht, aber jetzt für den Urlaub, man liest ja sonst keine Liebesromane, aber gerade hat man so viel um die Ohren und so zum Abschalten… Als Fifty Shades of Grey noch ganz neu war, haben die Leute es sogar oft mit der Rückseite nach oben auf den Kassentresen gelegt, damit ja niemand sieht, was sie da kaufen.
    Und dabei ist es mir schon wirtschaftlich egal, was die Leute kaufen. Das Standard-Taschenbuch kostet +/- 10 €, ob nun Weltliteratur drin steht oder Cornwall-Kitsch. Zweitens ist Lesen so gut wie immer eine gute Entscheidung. Bücher kaufen auch. Drittens hab ich kein Interesse daran, mir den Kopf über den Lesegeschmack anderer Leute zu zerbrechen. Lies doch, was du willst! Mach ich ja auch.
    Manchmal auch, genau wie du, nur zum drüber ärgern. Vor Jahren hatte ich sogar mal einen Buchclub, in dem wir jeden Monat ein Buch besprochen haben, von dem wir wussten, dass wir es hassen würden. Hat Riesenspaß gemacht.

    1. Danke für den Kommentar :) Finde ich aus der Perspektive auch interessant, weil ich zB bei meinem Buchhändler das Gefühl habe, dass ich auch belächelt werde – egal was ich kaufe, und es denen nie recht machen kann^^ Kann natürlich auch subjektiv sein. Klar wünsche ich mir, dass mein Lieblingsbuch möglichst vielen anderen das gleiche gibt wie mir, aber das passiert oder eben nicht. Das hat man nicht in der Hand.
      Das glaub ich – sich über Bücher zu streiten macht immer noch am meisten Spaß :)

      1. Ich habe auch schon Buchhändler erlebt, die an sich selbst den hehren Anspruch haben, Kulturvermittler zu sein. Die sich Fifty Shades of Grey nicht in den Laden stellen, weil es nicht ihren Ansprüchen entspricht. Tatsächlich kenne ich eine winzige Menge Buchhandlungen, in denen das geht. Die in Großstädten sind und eine Stammkundschaft haben, die sowieso nur Literarisches kauft und die dann davon leben können.
        Ich finde es aber auch in Läden dieser (und jeder) Ausrichtung ziemlich daneben, Kunden nicht ernst zu nehmen. Mit Kulturvermittlung zahlt man am Ende sicher nicht die Stromrechnung und es ist nicht so, als hätten Kunden heute keine andere Möglichkeit, sich die Bücher zu kaufen, die sie lesen wollen. Ich will ja auch nicht im Supermarkt belächelt werden, wenn ich nur ne olle TK-Pizza kaufe und nichts aus der super Bio-Gemüse-Abteilung :-)

  2. Ein wirklich toller Beitrag!

    Und die ebenso tolle Rede Gaimans – den ich für „Niemalsland“ gefeiert habe, aber seit solchen Sachen wir „American Gods“, „Anansi Boys“ und „Der Ozean am Ende der Straße“ eher kritisch beäuge – dürfte der längste englische Text sein, den ich seit meiner lang zurück liegenden Schulzeit gelesen habe! ;-)

    Den Eindruck, dass sich Buchblogger von oben herab beäugen, den kann ich aber nicht teilen. Mir kommt es eher so vor, als ob gerade unter Bloggern eine freundliche, kollegiale Atmosphäre herrscht, die ich sehr genieße und die im Internet selten ist, verglichen mit beliebigen Kommentar-Bereichen oder anderen Foren!

    1. Danke <3

      Ich muss ja gestehen, dass ich Gaiman als Persönlichkeit sehr schätze, aber noch keins seiner Bücher wirklich gelesen habe, bis auf verschiedene Essays und Reden wie diese hier. Neverwhere liegt allerdings hier wartet schon auf mich^^

      Ich denke, das kommt immer ein bisschen drauf an, wem man so folgt. Ich hab zum einen die Blogs, die ich lese und zum anderen Blogs von Leuten, die ich persönlich kennen gelernt habe und denen ich vor allem deswege folge, nicht aber wegen ihrem Büchergeschmack und da ist schon so eine kleine Schere. Grundsätzlich geb ich dir aber Recht, dass zumindest unter den Blogs, die thematisch gleich angelegt sind viel Freude und wenig Zickenkrieg herrscht :)

  3. Hach, was für ein schöner Text. : ) Du hast eigentlich fast alles gesagt, bei dem ich dir zustimmen würde. In Bezug auf „Booktube“ glaube ich aber ehrlich gesagt gar nicht, dass die Bücher dort belächelt werden, sondern das ganze drumherum. Ich habe dort einfach zunehmend das Gefühl, dass es gar nicht mehr um die Bücher geht und dass man daher einfach vielleicht diese Selbstdarstellung etwas belächelt. Das ist aber wie immer eine sehr subjektive Ansicht. Ich bin allerdings der Ansicht, dass man alle möglichen Kanäle und Arten der Vermittlung braucht, um die verschiedensten Menschen zum lesen zu bewegen. Die einen fühlen sich nun mal durch schrifliche Rezensionen nicht angesprochen und können sich von Videos leichter etwas „empfehlen“ lassen, sei es dann eben ein Fifty Shades of Grey Roman oder Ähnliches. Schade finde ich einfach, dass man sich solche Gedanken machen muss, dass man sich für etwas schlecht fühlt, was man mag! …. Das Thema regt wirklich zu sehr vielen Überlegungen an, aber ich belasse es mal dabei. : )

    Liebe Grüße
    Karin

  4. DAS ist mal ein toller Beitrag zum Lesen, dem ich nur zustimmen kann. sich über andere Menschen erheben, ist grundsätzlich nicht gut, aber leider allzu menschlich.
    Was Harry Potter, Das Lied von Eis und Feuer (und auch ‚Die Tribute von Panem‘) anbetrifft, da kann man eine Menge drin finden. Dazu gibt es übrigens eine Reihe ‚Die Philosophie bei …‘. Sehr erhellend, auch wenn ich nicht alles verstehe ;-)
    LG, Ingrid

  5. „Worauf ich hinaus will ist vielleicht das: Nicht jeder ist eine Rory Gilmore. Nicht jeder hat bereits vor seinem sechszehnten Geburtstag sämtliche Russen, alles von Jane Austen und den Brontë-Schwestern gelesen. Aber warum auch?“

    Dem kann ich nur Zustimmen! Es ist doch viel besser, sich nicht in eine Schiene drücken zu lassen. Wenn ich Klassiker unter zwang hätte Lesen müssen, wäre es sicher nicht so eine Freude für mich geworden, die alten Romane zu lesen. Und jetzt? Ich kann sagen, dass ich immer wieder gerne nach einem greifen werde. Aktuell lese ich „Die Sturmhöhe“ von Emily Brontë. Ganz ungezwungen und mit Interesse. Das ist hundert Mal besser.
    Und im Moment entdecke ich Kinderbücher, früher haben sie mich nicht sonderlich interessiert. Später werden sie Berufsbedingt zum Alltag. Warum also nicht?

    Dein Artikel ist super verfasst. Und wer sich auf den Schlips getreten fühlen mag, der ist selbst schuld. :-)

    Liebe Grüße
    Henrik

  6. Ich wollte schon die ganzen letzten Wochen etwas zu dem Beitrag schreiben aber mir fehlten bisher immer die richtigen Worte. Ich finde es gut das du es mal nieder geschrieben hast, was mir lange Zeit sehr auf den Zeiger ging. Momentan gibt es mir in der Buchcommunity oder generell so viele Grupen, die meinen sich für was besseres zu halten weil sie eben was anderes lesen als die anderen. Ich habe es immer geschätzt an dir , dass du einfach Beides machst. Sei es mal ein Buch von Salinger oder eben die neuste Neuerscheinung von Cassandra Clare. Das Lesen ist all unser Hobby und etwas das wir in unserer Freizeit machen. Geschmäcke sind verschieden und wer schon auf der Arbeit super viele komplizierte Texte lesen muss (Ich zum Beispiel), der hat daheim dann mal Lust auch auf leichte Lektüre. Das ist nichts verwerfliches. Beide Gruppen von Literatur werden gekauft und wir hätten sicher nicht einen solch vielfältigen Buchmarkt, wenn wir nur auf die eine Gruppe hören und großartige Weltliteratur lesen, die den Pulitzer Preis hinterher geworfen bekommt. Lesen und lesen lassen, kein einfach ^^

  7. Huhu,
    ich bin über einen anderen Blog hier gelandet und finde deinen Post wirklich gelungen. ‚Amen!‘ möchte ich förmlich dazu schreien. Immer wieder lasse ich mich mal wieder dazu zwingen, mich mit höherer Literatur auseinander zu setzen, nur um hinter zu merken, dass es nicht mein Ding ist und ich scheinbar intelektuell nicht genug hergebe, um sowas gelungen zu finden oder überhaupt zu verstehen.
    Und immer wieder sage ich mir dann: ‚Macht nichts‘ – denn es gibt so viel andere Literatur, die mir viel mehr gibt, als solche Literatur, die zwar als Klassiker und MustRead gelten, mir aber nichts sagen.

    “ Lest, soviel ihr könnt. Lest Straßenschilder und Speicherkarten, lest die Anschläge im Bürgermeisteramt, lest von mir aus Schundliteratur – aber lest! Sonst seid Ihr verloren.“
    Aus Rumo -Die Wunder im Dunkeln von Walter Moers)

    Liebe Grüße,
    Linda

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