Eins nach dem anderen oder alles durcheinander?

Ich bin das personifizierte Chaos auf zwei Beinen. Manchmal frage ich mich ernsthaft, wie ich überhaupt irgendwas gebacken kriege. Und dann klappt es am Ende doch und manchmal sogar besser als erwartet. Das trifft auf so ziemlich alles zu, besonders auffällig ist es aber beim Lesen.

Photo by Annie Spratt on Unsplash

Früher, als ich meine Bücher noch nicht selbst gekauft habe und dementsprechend nicht so viel Auswahl hatte, lief das anders. Immer eins nach dem anderen, erst wenn ein Buch beendet war, konnte ich das nächtste haben. So musste ich mich erst durch den Pferdeflüsterer quälen (ein Geschenk, gut gemeint, aber für eine 12jährige vielleicht nicht ganz das Wahre) bis ich Harry Potter und der Feuerkelch anfangen durfte. Damals herrschte noch Struktur – und es war furchtbar.

Versteht mich nicht falsch, ich mag dicke Bücher, vor allem, wenn man vollkommen darin versinken kann, aber ich hasse das Gefühl, nicht voran zu kommen. Nicht immer ist man in der Stimmung oder hat die Zeit, mehrere Kapitel am Stück zu lesen. Je nach Geschichte muss man nach zwei Tagen Pause wieder ein Kapitel zurückgehen, um wieder reinzukommen. Und Martin oder Gablé sind jetzt auch nicht so geeignet für die Handtasche oder fünf Minuten Wartezeit zu überbrücken. Nichts ist trauriger, als ein Buch, für das meine Zeit oder Nerven hat.

Hätte ich das bisschen Struktur also beibehalten, käme ich nicht vom Fleck. Da ich Goodreads mehr oder weniger konsequent nutze, kann ich euch das anhand ein paar Daten veranschaulichen. Anfang des Jahres begann ich A Little Life zu lesen, genaugenommen am 9. Februar. Beendet habe ich es am 13. April, also gut zwei Monate später. A Little Life ist so ein Buch, durch das man nicht hetzen sollte. Über vieles muss man nachdenken, einzelne Szenen sacken lassen und sich wieder fangen, um weiter zu machen. Ich habe aber auch selten abends mehr als eine halbe Stunde Zeit, um zu lesen, ganz zu schweigen von der nötigen Ruhe. Über den Tag verteilt gibt es immer mal wieder Lücken, klar, aber auch da fehlte oft die nötige Ruhe. Die Alternative wäre also, außer A Little Life gar nichts zu lesen, wenn ich meine alte Regel hätte beibehalten wollen.

Aber – und genau das ist das schöne, wenn man mehrere Bücher gleichzeitig liest – man muss die Zeit, die man zum Lesen hat, gar nicht ungenutzt vertreichen lassen. In diesen zwei Monaten habe ich neben A Little Life einen Comic, vier Hörbücher und acht andere Bücher gelesen. Verschiedene Genre, Stile und Bücher geben mir die Möglichkeit, immer genau das richtige für den Moment zu wählen. Hinzu kommt das Nutzen unterschiedlicher Medien – Hörbuch, eBook, Taschenbuch oder Hardcover – ich kann mir aussuchen, worauf ich gerade Lust habe.

Ich glaube, wenn ich meine alte Regel beibehalten hätte, hätte ich A Little Life vermutlich nie beendet. Es geht mir nicht darum, möglichst viel in möglichst kurzer Zeit zu lesen*. Wenn das das Ziel wäre, würde ich mir nur dünne Bücher rauspicken und könnte das schneller haben.

Es ist viel mehr das Gefühl, dass eine Geschichte, mag sie noch so gut sein, mich erdrückt, wenn ich mich zu lange nur damit beschäftige und ich nicht das Gefühl habe, dass ich wirklich weiterkomme. Ich brauche die Abwechslung und muss auch mal abschalten können. Wenn das nicht geht, finde ich mich nach so einem Wälzer sehr wahrscheinlich in einer Leseflaute wieder, weil ich erstmal keine Lust auf gar nichts habe. Dabei gehört Lesen zu meinem Tagesablauf, und seien es auch nur ein paar Seiten.

Photo by freddie marriage on Unsplash

Wenn ich sage, das ich meistens, fast immer, mehrere Bücher gleichzeitig lese, kommt fast immer die Frage, ob mich das nicht stresst. Tut es nicht. Ich finde es viel eher befreiend, ein Buch nicht sofort abbrechen zu müssen, weil ich gerade keinen Nerv darauf habe, sonder zurückkommen zu können, wann ich will und in der Zwischenzeit eben trotzdem immer was zu Lesen zu haben.

Je nach dem wie viel Zeit dazwischen liegt, muss ich das zuletzt gelesene Kapitel nochmal lesen, klar, aber das ist ja auch der Trick. Es sollten halt nicht drei Jugendfantasy-Bücher sein, die sich nur durch einen unterschiedlichen Weltenbau unterscheiden, sondern wirklich unterschiedliche Genres oder Stile. So kommt man auch an Sachen, die man sonst eher nicht gelesen hätte. Den Gesellschaftsroman morgens beim Frühstück, ein kleines Gedicht zwischendurch, den Thriller im Bett und am Wochenende mal ein Comic?

Es gibt so viele Möglichkeiten, Literatur zu erleben, ohne sich zu langweilen oder ewig viel Zeit in eine Sache zu investieren, um am Ende festzustellen, dass man die Hälfte gar nicht richtig mitbekommen hat, weil man sich nicht voll drauf konzentrieren konnte… Und wenn ihr Ordnung bevorzugt und wirklich lieber eins nach dem anderen lest – kein Ding. Es gibt aber nicht nur den richtigen und den falschen Weg. Vielmehr geht’s doch darum, dass jeder seinen Weg findet.


*Falls ihr mehr darüber wissen wollt, wie man die vorhandene Lesezeit optimaler nutzt, könnt ihr euch diesen Beitrag ansehen.

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13 thoughts on “Eins nach dem anderen oder alles durcheinander?

  1. Ein super Beitrag! Du sprichst mir aus der Seele, ich glaube wir haben das selbe Leseverhalten 😍😂 Früher auch immer eins nach dem anderen und jetzt: Oh ich hab Lust auf das Buch. Ja das auch. Aber es ist so schwer. Naja da kann ich ja das zwischendurch lesen. Und so häuft sich das 😂 Ich versuche jetzt aber Bücher aus einem Grund anzufangen z.B. Gemeinsames Lesen, ein Taschenbuch für die Bahn/Arbeitspausen, ein Buch was ich neben den beiden noch lese -, weil….Also…Ich halt Lust drauf habe 😗
    Ich finde das ehrlich gesagt sehr angenehm und bin froh, damit nicht alleine zu sein 😂💙

  2. Normalerweise bin in auch eher der Mensch „eins nach dem anderen“, weil ich mich ganz gerne auf eine Sache konzentriere. Ich hab letztens aber auch gemerkt, dass ich Essaysammlungen gerne mit was anderen kombiniert lese. Da kann ich mir ein Kapitel pro Tag vornehmen und mich ansonsten einem anderen Buch widmen – würde ich mehrere Essays auf einmal lesen, wäre mir ziemlich schnell langweilig, dann werden die Texte nur noch überflogen und dann hätte ich es eigentlich auch sein lassen können.

  3. Ich lese auch immer durcheinander. Manchmal bis zu acht Bücher auf einmal. Aber mittlerweile hab ich es mir angewöhnt mir die Bücher Anfang des Monats auszusuchen und evtl Neuerscheinungen, die im Lauf des Monats kommen werden einzuplanen und dann beende ich alle Bücher bis der nächste Monat kommt. :)
    Gerade bei Büchern, die mich nicht so fesseln oder die Themen haben, die einen runter ziehen finde ich es sehr befreiend, sich auch mal ohne schlechtes Gewissen eine Pause zu gönnen.

  4. Ich habe früher auch immer ein Buch nach dem anderen gelesen, aber spätestens seit ich die A Song of Ice and Fire Bücher angefangen habe und auch unterwegs lese, ging das für mich einfach nicht mehr.
    Ich werde auch ständig gefragt, ob ich da nicht durcheinander komme, aber würde ich Bücher lesen, die sich zu ähnlich sind, bräuchte ich ja gar nicht mehrere zur gleichen Zeit. So kann ich auch mal 7 Bücher gleichzeitig angefangen haben, ohne irgendwas zu verwechseln.

  5. Bei mir ist das so ne Sache, wirklich gleichzeitig lese ich dann nämlich doch nicht. Früher habe ich wirklich ein Buch nach dem anderen verschlungen, mittlerweile hab ich aber relativ oft Phasen, in denen ich ein Buch 50 oder auch mal 100 oder gar noch mehr Seiten anlese, ich plötzlich Lust auf was anderes bekomme, dazu greife – und so weiter und so fort. Irgendwann habe ich dann eins gefunden, bei dem ich bleiben möchte. Aber statt dann wieder zu einem der anderen angefangenen zu greifen, such ich mir wieder was neues, und das CR Regal wächst und wächst. Momentan liegen bei mir 14-16 nicht beendete Bücher rum. Irgendwie sollte ich da mal wieder ein paar fertig lesen. Oft ist es auch gar nicht so sehr, dass sie mir nicht gefallen, es kommt einfach was anderes dazwischen, was mir mehr gefällt.

  6. Hallöchen :)
    Ein toller Post, der mir wirklich aus der Seele spricht. Früher ging es mir wie Dir: schön ein Buch nach dem anderen. Und wenn ich jetzt darüber nachdenke, dann fällt mir erst auf, wie Recht Du hast. Da quält man sich manchmal wirklich durch, weil man es unbedingt beenden will.
    Zwischenzeitlich lese ich selten nur ein Buch. Es kann sogar sein, dass ich an einem Abend zwischen zwei Büchern hin und her wechsel. Und ich bin da noch nie irgendwie durcheinander gekommen oder hab mich gestresst gefühlt.
    Und manchmal macht einen ein Buch einfach so sehr an, dass man nicht warten will. Warum sich da selbst quälen und das Buch über Tage hinweg anschmachten? Du siehst also: Du bist nicht allein!

    Alles Liebe, Nelly

  7. Was du in letzter Zeit (*schon die ganze Zeit) aber auch immer für kluge Beiträge schreibst. Ich möchte hier bitte unterschreiben und stimme dir komplett zu. Wobei ich meine eigene Regel in letzter Zeit auch öfter nicht beachtet habe und mich durch Bücher „gequält“ habe. Was war die Folge? Leseflaute! Mit deiner Art zu lese bin ich immer gut gefahren und ich werde das jetzt mal wieder so richtig einführen. Ich bin ja großer Fan von unterschiedlicher Auswahl und Bedarf je nach Lust und Laune. :-)

    Liebe Grüße
    Petzi

  8. Ich lese meist ein Buch und ein Hörbuch parallel – mehr nicht. Schön aus unterschiedlichen Genres, um eben die von dir angesprochene Abwechslung drin zu haben. Ich befürchte aber, wenn ich mehr als die zwei Bücher lese, komme ich sicher durcheinander bzw. brauche wohl noch länger, um wieder in die Geschichte/das Setting reinzufinden. Und: Ich bekäme in einem Monat deutlich weniger Bücher beendet, weil die Gesamt-Lesezeit leider nicht mehr wird :D
    So oder so, dein Artikel spricht mir in jedem Fall aus der Seele.

  9. Hey!
    Ein toller Beitrag. Ich lese auch immer mehrere Bücher gleichzeitig, alleine weil ich immer ein bisschen Abwechslung brauche, insbesondere wenn eines, wie du schon sagst, etwas „schwerer“ ist oder Pausen benötigt. Gerne nehme ich mir dann für Zwischendurch mal einen Comic zur Hand, oder ein kurzes eBook für unterwegs.

    Liebe Grüße,
    Nicci

  10. Huhu!
    Ich habe bis vor Kurzem wirklich ein Buch nach dem anderen gelesen. Mich hat allein der Gedanke, mehrer gleichzeitig zu lesen gestresst. Und dann kam dieses eine Buch. Das du nach ein paar Seiten weglegen musst, sonst wird es zu viel. Weil die Story so einnehmend ist. Und seitdem lese ich mehrere Bücher gleichzeitig und es funktioniert. Hätte ich nie gedacht ;)
    Aber wie du schon sagst, am besten verschiedene Genre – sonst vermischt man am Ende noch die Welten :D

    Liebe Grüße,
    Wiebi

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