Lieber Daddy-Long-Legs – Jean Webster

Kurzbeschreibung

Fast 18 Jahre hat Judy Abbott im Waisenhaus gelebt. Wegen ihrer literarischen Begabung wird sie nun von einem geheimnisvollen Wohltäter aufs College geschickt. Der Mann möchte namenlos bleiben, Judy soll ihm aber jeden Monat einen Brief über ihre Fortschritte schreiben. Voller Begeisterung stürzt sich Judy in dieses unbekannte Leben. Mehr als einmal im Monat schreibt sie „Mr Smith“, denn sie hat ja sonst niemanden auf der Welt, mit dem sie ihre Erlebnisse teilen kann. Briefe voller Witz, über Hüte und Literatur, über neue Freundschaften und immer öfter auch über den sympathischen Jervis Pendleton.

Rezension

Ich möchte diese Rezension mit einer kleinen Geschichte beginnen… Es war Anfang März, als ich eine Mail bekam, die mich für die Buchmesse zu einem königlichen Kaffeekränzchen einlud. Ich hab den Kontakt zum Verlag nicht gesucht, mich aber trotzdem sehr gefreut, weil die Königskinder nicht nur besondere Bücher veröffentlichen, sie machen es auch mit extrem viel Liebe. Nicht, dass ich das nicht schon vorher gewusst hätte, bieten sie doch z.B. Ruta Sepetys ein wundervolles zu Hause, aber an diesem Nachmittag auf der Messe habe ich eben gemerkt, dass es wirklich von Herzen kommt. Allein wie Barbara König über Lieber Daddy-Long-Legs gesprochen hat, hat gereicht um das Buch vorzubestellen und unbedingt lesen zu wollen. Just an dem Tag, an dem ich angefangen habe, es zu lesen, kam die Nachricht, dass im Frühjahr 2018 das letzte Programm des Imprints erscheinen wird und das macht mich tatsächlich sehr traurig, denn gerade Bücher wie dieses machen den Verlag aus.

Liebe Daddy-Long-Legs ist zuerst 1912 erschienen und das sollte man wissen, wenn man dieses Buch lesen möchte, da es einfach von einer ganz anderen Zeit erzählt. Judy (oder Jerusha) lebt in einem Waisenhaus, dem sie eigentlich schon entwachsen ist. Es ist nur der Mildtätigkeit der Leiterin zu verdanken, dass sie auch nach Abschluss der Schule weiterhin dort bleiben und arbeiten kann. Am ersten Mittwoch im Monat besucht einer der Treuhänder der Stiftung das Waisenhaus und auch wenn diese Tage für Judy in erster Linie Arbeit bedeuten, wandelt sich das, als sie erfährt, dass sie als erstes Mädchen in den Genuss eines Stipendiums kommt und so dem Waisenhaus entfliehen kann. Alles, was sie dafür tun muss, ist einmal im Monat einen Brief an ihren anonymen Gönner zu verfassen.

So kommen wir zur zweiten Sache, die man über das Buch wissen muss – es besteht aus eben diesen Briefen, die Judy dem Treuhänder schreibt und so erfahren wir alles aus ihrem Leben, an dem sie ihren Gönner teilhaben lässt, können das aber natürlich auch nur einseitig beeurteilen. Trotzdem ensteht ein relativ klares Bild, nicht zuletzt deswegen, weil Judy und nicht nur an ihren Lernfortschritten, sondern auch an ihrer Gefühlswelt teilhaben lässt. Manchmal freut sie sich über die Möglichkeit, die der Treuhänder, den sie liebevoll Daddy-Long-Legs nennt, ihr geboten hat, manchmal ist sie aber auch wütend, weil er sich einmischt oder vor allem deswegen, weil er ihr nie persönlich antwortet – denn das war eine seiner Bedingungen. Und immer öfter berichtet sie, leicht verliebt, von einem Jungen Mann, den sie scheinbar durch Zufall getroffen hat.

Nun muss man nicht annähernd so klug wie Sherlock Holmes sein, um sich zusammen zu reimen, wo das vielleicht hinführen mag, man sollte sich dann aber auch vor Augen halten, dass es eben ein Kinderbuch ist und jüngere Leser den ein oder andere Wink mit dem Zaunpfahl vielleicht noch nicht als solchen verstehen. Sei’s drum, auch als Erwachsene hatte ich viel Spaß mit dem Buch und der Geschichte, vor allem aber mit Judy, die, bezogen auf die Zeit in der sie lebt, ein starkes Beispiel für eine eigensinnige, ehrliche, freundliche, junge Frau ist, die sich nichts gefallen lässt und den Mund aufmacht, wenn ihr etwas nicht passt. Sie sucht sich sogar einen neuen Namen (Judy) aus, weil ihr der aus dem Waisenhaus (Jerusha) nicht mehr gefällt, ganz zu schweigen von der Tatsache, dass sie ihren Traum, Schriftstellerin zu werden, nie aus den Augen verliert und trotz aller Rückschläge immer otimistisch bleibt.

Folgendes ist mir dennoch negativ aufgestoßen (Achtung Spoiler): Ich weiß nicht, wie ich es finden soll, dass ein 33jähriger Mann einer 18jährigen nachstellt, ihren Gönner spielt und sich auf der einen Seite als der stumme Gönner ausgibt, auf der anderen aber mit Hilfe der Informationen aus ihren Briefen versucht ihr Herz zu gewinnen. Es ist auf der einen Seite süß, aber der anderen lässt es mich aber recht zwiegespalten zurück, auch wenn er sie natürlich zu nichts zwingt und ich ein Stück weit verstehe, wieso er sich ihr nicht offenbart. Vielleicht sehe ich das ein bisschen zu eng, vielleicht sollte der Altersunterschied keine Rolle spielen, und vielleicht fehlt einfach seine Perspektive und/oder ein paar mehr Informationen über Judys Treffen mit Jarvie, um das besser zu beurteilen. Vielleicht war das früher auch gar nicht so schlimm.

Aber abgesehen davon hatte ich sehr viel Spaß mit Judy und Daddy-Long-Legs.

Lieber Daddy-Long-Legs

Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
Verlag: Königskinder (29. September 2017)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3551560447
ISBN-13: 978-3551560445
Vom Hersteller empfohlenes Alter: Ab 14 Jahren

 

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