Lieber Feind – Jean Webster

Kurzbeschreibung

Ein Waisenhaus leiten? Sally McBride erklärt ihre beste Freundin Judy für komplett verrückt, als diese ihr die Leitung des John-Grier-Heims übertragen will. Hätte ihr Verlobter nicht schallend gelacht und damit ihren Ehrgeiz geweckt, Sally hätte niemals eingewilligt.

Plötzlich einhundert Kinder zu haben, ist keine leichte Aufgabe! Und die Zustände im Heim sind haarsträubend. Mit Verve geht Sally an die Arbeit, um ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen. Doch dabei macht sie sich nicht nur Freunde. Ihr liebster Feind allerdings ist und bleibt der betreuende Kinderarzt Dr. Robin MacRae.

Mit „Lieber Feind“ knüpft Jean Webster an „Lieber Daddy-Long-Legs“ an. Im Unterschied zu den Briefen von Judy an Daddy-Long-Legs, schreibt Sally an mehrere Adressaten, auch an Judy, so dass wir so auch erfahren, wie deren Geschichte weitergeht. Geistreich, anrührend und voller Charme, sollte man sich auch diesen wunderbaren Briefroman nicht entgehen lassen!

Rezension

Lieber Feind ist die Fortsetzung zu Lieber Daddy-Long-Legs, das ich euch bereits im letzten Jahr vorgestellt habe. Anstelle von Judy schreibt hier Sally, Judys Zimmergenossin aus dem Studium – und das nicht nur an Judy, sondern auch an ihren Verlobten Gordon und ihren Feind, den Kinderarzt Dr. Robin McRae.

Das Buch ist fast doppelt so lang wie sein Vorgänger, das allein macht es leider nicht spannender. Im direkten Vergleich passiert auf den 200 Seiten mehr nicht wesentlich mehr wie im ersten Teil – obwohl die Protagonisten jetzt älter sind, scheint die Entwicklung sogar noch langsamer von Statten zu gehen, weshalb ich mich zeitweise motivieren musste, weiterzulesen. Davon aber mal abgesehen mochte ich die Geschichte an sich ein bisschen lieber.

Als Kinderbuchklassiker beworben, erschien mir die Thematik des Buches doch schon sehr erwachsen – es geht ja immerhin zu großen Teilen um Sallys Liebeswirren, aber vielleicht ist das auch einfach was, was Kinderbücher so zeitlos macht. Als Kind fühlt man sich sicher von all den Anekdoten aus dem Kinderheim gut unterhalten, die enthaltenen Zeichnungen lockern den Text entsprechend auf, und wenn man etwas älter ist, stellt man fest, dass es eigentlich um Sally und die Frage, wie viel Feind denn nun wirklich in dem Doktor steckt, geht.

Wirklich witzig fand ich, wie Judy ihrer Freundin die Leitung des Waisenhauses förmlich aufzwingen muss und wie gut Sally am Ende in diese Rolle reinwächst.

Wenn man den ersten Teil kennt, kann man sich ungefähr ausrechnen, wo die Reise hingeht und wie das Ende aussieht. Das ist aber nicht weiter schlimm, da Sallys Geschichte sich vor allem in einem Punkt von der von Judy unterscheidet – sie hinterlässt kein so blödes Gefühl. Ich hätte die beiden Bücher lieber direkt hintereinander gelesen und würde das auch jedem empfehlen. Sie gehören halt doch zusammen.


Lieber Feind übersetzt von Ingo Herzke

Gebundene Ausgabe: 416 Seiten || Verlag: Königskinder (21. März 2018) || Sprache: Deutsch || ISBN-10: 3551560455 || ISBN-13: 978-3551560452 || Vom Hersteller empfohlenes Alter: Ab 14 Jahren ||Originaltitel: Dear Enemy

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Lieber Daddy-Long-Legs – Jean Webster

Kurzbeschreibung

Fast 18 Jahre hat Judy Abbott im Waisenhaus gelebt. Wegen ihrer literarischen Begabung wird sie nun von einem geheimnisvollen Wohltäter aufs College geschickt. Der Mann möchte namenlos bleiben, Judy soll ihm aber jeden Monat einen Brief über ihre Fortschritte schreiben. Voller Begeisterung stürzt sich Judy in dieses unbekannte Leben. Mehr als einmal im Monat schreibt sie „Mr Smith“, denn sie hat ja sonst niemanden auf der Welt, mit dem sie ihre Erlebnisse teilen kann. Briefe voller Witz, über Hüte und Literatur, über neue Freundschaften und immer öfter auch über den sympathischen Jervis Pendleton.

Rezension

Ich möchte diese Rezension mit einer kleinen Geschichte beginnen… Es war Anfang März, als ich eine Mail bekam, die mich für die Buchmesse zu einem königlichen Kaffeekränzchen einlud. Ich hab den Kontakt zum Verlag nicht gesucht, mich aber trotzdem sehr gefreut, weil die Königskinder nicht nur besondere Bücher veröffentlichen, sie machen es auch mit extrem viel Liebe. Nicht, dass ich das nicht schon vorher gewusst hätte, bieten sie doch z.B. Ruta Sepetys ein wundervolles zu Hause, aber an diesem Nachmittag auf der Messe habe ich eben gemerkt, dass es wirklich von Herzen kommt. Allein wie Barbara König über Lieber Daddy-Long-Legs gesprochen hat, hat gereicht um das Buch vorzubestellen und unbedingt lesen zu wollen. Just an dem Tag, an dem ich angefangen habe, es zu lesen, kam die Nachricht, dass im Frühjahr 2018 das letzte Programm des Imprints erscheinen wird und das macht mich tatsächlich sehr traurig, denn gerade Bücher wie dieses machen den Verlag aus.

Liebe Daddy-Long-Legs ist zuerst 1912 erschienen und das sollte man wissen, wenn man dieses Buch lesen möchte, da es einfach von einer ganz anderen Zeit erzählt. Judy (oder Jerusha) lebt in einem Waisenhaus, dem sie eigentlich schon entwachsen ist. Es ist nur der Mildtätigkeit der Leiterin zu verdanken, dass sie auch nach Abschluss der Schule weiterhin dort bleiben und arbeiten kann. Am ersten Mittwoch im Monat besucht einer der Treuhänder der Stiftung das Waisenhaus und auch wenn diese Tage für Judy in erster Linie Arbeit bedeuten, wandelt sich das, als sie erfährt, dass sie als erstes Mädchen in den Genuss eines Stipendiums kommt und so dem Waisenhaus entfliehen kann. Alles, was sie dafür tun muss, ist einmal im Monat einen Brief an ihren anonymen Gönner zu verfassen.

So kommen wir zur zweiten Sache, die man über das Buch wissen muss – es besteht aus eben diesen Briefen, die Judy dem Treuhänder schreibt und so erfahren wir alles aus ihrem Leben, an dem sie ihren Gönner teilhaben lässt, können das aber natürlich auch nur einseitig beeurteilen. Trotzdem ensteht ein relativ klares Bild, nicht zuletzt deswegen, weil Judy und nicht nur an ihren Lernfortschritten, sondern auch an ihrer Gefühlswelt teilhaben lässt. Manchmal freut sie sich über die Möglichkeit, die der Treuhänder, den sie liebevoll Daddy-Long-Legs nennt, ihr geboten hat, manchmal ist sie aber auch wütend, weil er sich einmischt oder vor allem deswegen, weil er ihr nie persönlich antwortet – denn das war eine seiner Bedingungen. Und immer öfter berichtet sie, leicht verliebt, von einem Jungen Mann, den sie scheinbar durch Zufall getroffen hat.

Nun muss man nicht annähernd so klug wie Sherlock Holmes sein, um sich zusammen zu reimen, wo das vielleicht hinführen mag, man sollte sich dann aber auch vor Augen halten, dass es eben ein Kinderbuch ist und jüngere Leser den ein oder andere Wink mit dem Zaunpfahl vielleicht noch nicht als solchen verstehen. Sei’s drum, auch als Erwachsene hatte ich viel Spaß mit dem Buch und der Geschichte, vor allem aber mit Judy, die, bezogen auf die Zeit in der sie lebt, ein starkes Beispiel für eine eigensinnige, ehrliche, freundliche, junge Frau ist, die sich nichts gefallen lässt und den Mund aufmacht, wenn ihr etwas nicht passt. Sie sucht sich sogar einen neuen Namen (Judy) aus, weil ihr der aus dem Waisenhaus (Jerusha) nicht mehr gefällt, ganz zu schweigen von der Tatsache, dass sie ihren Traum, Schriftstellerin zu werden, nie aus den Augen verliert und trotz aller Rückschläge immer otimistisch bleibt.

Folgendes ist mir dennoch negativ aufgestoßen (Achtung Spoiler): Ich weiß nicht, wie ich es finden soll, dass ein 33jähriger Mann einer 18jährigen nachstellt, ihren Gönner spielt und sich auf der einen Seite als der stumme Gönner ausgibt, auf der anderen aber mit Hilfe der Informationen aus ihren Briefen versucht ihr Herz zu gewinnen. Es ist auf der einen Seite süß, aber der anderen lässt es mich aber recht zwiegespalten zurück, auch wenn er sie natürlich zu nichts zwingt und ich ein Stück weit verstehe, wieso er sich ihr nicht offenbart. Vielleicht sehe ich das ein bisschen zu eng, vielleicht sollte der Altersunterschied keine Rolle spielen, und vielleicht fehlt einfach seine Perspektive und/oder ein paar mehr Informationen über Judys Treffen mit Jarvie, um das besser zu beurteilen. Vielleicht war das früher auch gar nicht so schlimm.

Aber abgesehen davon hatte ich sehr viel Spaß mit Judy und Daddy-Long-Legs.

Lieber Daddy-Long-Legs

Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
Verlag: Königskinder (29. September 2017)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3551560447
ISBN-13: 978-3551560445
Vom Hersteller empfohlenes Alter: Ab 14 Jahren

 

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